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Thomas Faist
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Veröffentlicht Jan 19, 2021

Abstract

Die soziale Frage ist zurück. Jedoch geht es bei der sozialen Frage der Gegenwart nicht mehr nur um den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital, so wie noch im 19. und 20. Jahrhundert. Die heutige soziale Frage kommt räumlich im Gegensatz von globalem Süden und dem globalen Norden zum Ausdruck. Ein wichtiges Feld ist die Migration bzw. Flucht von Menschen, die ein besseres Leben suchen oder die aus bedrückenden und repressiven politischen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen fliehen. Die soziale Frage ist transnationalisiert, weil Kapital und politische Herrschaft staatliche Grenzen überschreiten, weil Migrant*innen und ihre Angehörigen grenzüberschreitende Verbindungen zwischen Nationalstaaten in transnationalen sozialen Räumen unterhalten; und weil Migration Auswirkungen auf soziale Ungleichheiten zwischen globalem Süden und globalem Norden und innerhalb der jeweiligen Nationalstaaten hat. In früheren Zeiten haben Klassenunterschiede politische Konflikte dominiert. Obwohl Klasse schon immer mit einer Vielzahl an anderen Heterogenitäten interagierte, nicht zuletzt von kulturellen Konflikten rund um Ethnizität, Religion und Sprache, sind es diese kulturellen Heterogenitäten, die in den letzten Jahrzehnten für soziale Positionen und Lebensverhältnisse, aber auch für politische Auseinandersetzungen wichtiger geworden sind. Somit skizziert dieser Beitrag grenzübergreifende Migration als ein strategisches Forschungsfeld für die gegenwärtige soziale Frage.


The Transnationalized Social Question: Migration and Social Inequalities


The social question is back. Yet, today’s social question is not primarily between labor and capital, as it was in the nineteenth century and throughout much of the twentieth. The contemporary social question is located at the interstices between the global South and the global North. It finds its expression in movements of people, seeking a better life or fleeing unsustainable social, political, economic, and ecological conditions. It is transnationalized because migrants and their significant others entertain ties across the borders of national states in transnational social spaces; because of the cross-border diffusion of norms; and because there are implications of migration for social inequalities between North and South, and within national states. In earlier periods, class differences dominated political conflicts, and while class has always been criss-crossed by manifold heterogeneities, not least of all cultural ones around ethnicity, religion, and language, it is these latter heterogeneities that have sharpened over the past decades. This contribution thus constitutes
cross-border migration as a strategic research site for the contemporary social question.

Schlagwörter

Soziale Frage, soziale Ungleichheiten, Heterogenitäten, Migration, globaler Norden, globaler Süden