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Stephan Scheel
Veröffentlicht Feb 2, 2021

Abstract

In the past decade, constructivist understandings of migration have gained momentum in migration studies. Scholars have shown how (some) people are enacted as ›migrants‹ when human mobility clashes with nation‐states’ claimed prerogative to control »the legitimate means of movement« (Torpey). Another body of scholarship has highlighted the crucial role played by knowledge practices in the enactment of migration as an intelligible object of government. However, these two lines of inquiry have largely been conducted independently of each other. To better account for how practices of border control affect the production of knowledge about migration and how the latter, in turn, informs practices and rationales of migration management, this article asks: How can we conceptualize and empirically investigate the relationship between enacting migration through knowledge practices and enacting migrants through practices of bordering? In response to this question, I propose a sociology of translation and treason in the tradition of the Actor‐Network Theory (ANT), which enables tracing how records produced in border encounters are translated into not only ›migration facts‹ but also various forms of nonknowledge. To demonstrate the analytical potential of this approach, I show how statistical knowledge about the ›deportation gap‹ – often invoked to justify ever‐more restrictive measures in the field of return policy – is, to a significant extent, a result of the mistranslation of returned migrants in administrative records used for migration statistics.


Zur Politik des (Nicht‐)Wissens in der Herstellung/dem Rückgängigmachen von Migration


In den letzten Jahren haben konstruktivistische Ansätze in der Migrationsforschung an Bedeutung gewonnen. Zahlreiche Forscher*innen haben gezeigt, wie einige Subjekte zu Migranten gemacht werden, wenn Mobilität mit dem von Nationalstaaten beanspruchten Recht kollidiert, »die legitimen Mittel der Bewegung« (Torpey) zu kontrollieren. Ein zweiter Forschungsbereich hat die Rolle von Wissenspraktiken bei der Konstitution von Migration als einem Objekt des Regierens aufgezeigt. Bislang wurden diese beiden Forschungsrichtungen zumeist unabhängig voneinander betrieben. Um besser zu verstehen, wie Praktiken der Grenzkontrolle die Produktion von Wissen über Migration beeinflussen, und wie Letztere Praktiken und Logiken des Grenz‐ und Migrationsmanagements prägt, fragt dieser Artikel: Wie lässt sich die Beziehung zwischen der Konstituierung von Migration als einem Objekt des Regierens durch Wissensproduktion und die Konstitution von Migrant*innen durch Praktiken der Grenzkontrolle theoretisch denken und empirisch erforschen? Hierfür wird eine Soziologie der Übersetzung und des Betrugs in Tradition der Akteur‐Netzwerk‐Theorie (ANT) vorgeschlagen. Dieser Ansatz erlaubt es zu untersuchen, wie administrative Daten, die Begegnungen zwischen mobilen Subjekten und Akteuren der Grenzkontrolle generiert werden, in Fakten bzw. in Nicht‐Wissen über Migration übersetzt werden. Um das analytische Potential dieses Ansatzes zu demonstrieren, zeige ich, wie statistisches Wissen über den ›deportation gap‹, der häufig bemüht wird, um restriktivere Maßnahmen im Bereich der Rückkehrpolitik zu legitimieren, zu einem signifikanten Teil auf der Nicht‐Übersetzung von remigierten Migrant*innen in administrative Daten beruht, die für die Produktion von Migrationsstatistiken genutzt werden.

Schlagwörter

Epistemologie, Grenzen, Nichtwissen, Migrationsmanagement, Performativität, Statistiken